Trigger und Schorf

Rebeca rennt neben mir her, wie ein junger Hund fliegt sie förmlich über Stock und Stein. Ich freue mich und lache. Dann überschlägt sie sich und liegt auf dem Rücken. Ich sehe wie sie anfängt zu krampfen. Bitte nein! Ich sitze im Bett, mein Herz rast. Nur ein Traum. Manchmal kann ich aufwachen bevor sie so richtig schlimm werden. Trotzdem nehme ich eine Ahnung der Gefühle mit, die mir dieser Traum beschert hätte. 

Ich kann nicht wieder einschlafen. Mein Kopf ist jetzt wach. Drängt mir ein Gespräch auf. Zwei wichtige Themen von denen mal das eine mal das andere aktueller ist. Dennoch sind beide untrennbar mit einander verbunden. Therapie und Suizid. 

Ich weiß gar nicht wann ich das erste Mal an Suizid gedacht habe – es muss in meiner Schulzeit gewesen sein. Relativ früh. 5., 6. Klasse. Damals haben mich diese Gedanken ungeheur erschreckt. Heute sind sie, ich will nicht sagen ein fester Teil, aber sie sind da und ich erlaube sie mir auch. Ich versuche sie nicht mehr als ‘böse’ Gedanken abzustempeln. Ich lasse sie kommen, schaue sie mir an und lasse sie wieder gehen. 

Offen darüber sprechen ist eine andere Sache. Warum? Warum kann ich nicht auch offen über diese Gefühle sprechen? An erster Stelle steht da wohl die Angst vor der Reaktion anderer, natürlich kann ich nachvollziehen was allein das Wort Suizid bei anderen Menschen auslöst. Es ist ein Tabu in dieser Gesellschaft. Der Tod ist es und vorallem der selbstherbeigeführte – denn Leben ist doch das größte Geschenk auf Erden. Ist es das? Ist es nicht viel mehr die Selbstbestimmung? 

Ich will, wenn ich über alle meine Gefühle spreche nicht in mitleidig, verschreckt, ärgerliche oder verständnislose Gesichter gucken. Ich will auch nicht mit jedem darüber sprechen. 

Was es mir wahrscheinlich auch so schwer macht darüber mit Ärzten und Therapeuten zu sprechen – ich will nicht weggesteckt werden. Ich will keine Alarmglocken läuten. 

Ich scheue mich davor mit meinem Mann darüber zu sprechen. Obwohl wir beide kein Geheimnis aus Leben und Tod machen. Ich will ihn damit nicht belasten. Wir sind uns beide einig, daß der Tod für den Toten eher weniger schlimm ist. Schlimm ist er für andere. Es ist wie mit Dummheit – schlimm für andere.  Wenn man diese Gefühle weiter herunterbricht kommt man nicht drumherum, daß eine große Protion Egoismus mit im Spiel ist. Wer verliert schon gerne etwas, wer verliert gerne etwas was er liebt? Niemand. Jeder will sich den Schmerz ersparen. Ob Suizid nun egoistisch ist – jeder lebt für sich, nicht für andere. 

Ich merke gerade, daß ich heute Nacht mit meiner Zwiesprache nicht fertig geworden bin. Es sind doch noch einige Gedanken dazu da…

Therapie, aktiv bin ich nicht dabei. Keine Medikamente, keine Gespräche. Ich bin da gerade einfach auf nein. Passiv passiert immer was. Wir haben zwei Dinge angestoßen, auch das wird seine Zeit brauchen. In der Zeit kann und werde ich die Tagesklinik besuchen. Ansonsten tue ich mein Bestes. Weiter und weiter. Tag für Tag.

Ding Eins ist die Suche nach einem geeigneten Hundetrainer. Ein Hund soll und muss wieder ins Haus. Warum dann nicht einer, der mich aktiv unterstützen kann. 

Ding Zwei ist die Finanzierung der Ausbildung des Hundes. Ohne näher mit einem Trainer gesprochen zu haben, richte ich mich auf ca. 20.000€ ein. Wahrscheinlich wird meine Krankenversicherung nicht mit einspringen (Memo an mich, Antrag stellen – wird abgelehnt werden). Wir lassen gerade prüfen ob ich meine ‘Altersvorsorge’ rückabwickeln kann. Ich glaube eh nicht jemals in den Genuss der Auszahlung zu kommen. Bei Suizid erhalten die Begünstigten auch nichts… Also weg damit! 

So sind also beide große Themen (bestehend aus vielen kleinen Themen) mal mehr mal weniger aktiv in Bearbeitung. Das hat mich heut Nacht umtrieben.

Mein Mann ist inzwischen auf der Arbeit. Mein Kaffee und mein Ingwersaft sind getrunken. Ein kleiner Lederlaufkäfer, heute morgen auf dem Rücken liegend und mit den Beinchen wedelnd gefunden, sitzt in der Faunabox und stärkt sich an einem Stück Banane. Es fehlt ein Bein! Die Spatzengang lärmt vor meinem Fenster und der Regen plätschert. Ein ganz normaler Tag. 

Ich sitze an meinem Schreibtisch und lasse meine Gedanken in diesen Blog fließen. Es hilft ungemein Ordnung in das Chaos zu bekommen. Mir ist kalt. Neue Gedanken drängen sich auf. Mein Opa hat heute Geburtstag. Soll ich mich melden? Er ist ein alter Mann und würde sich freuen. Ja. Aber er war nicht immer ein alter Mann und als Schutzmann hätte er handeln müssen, nicht nur Reden schwingen. Inzwischen verbindet uns auch eigentlich nur eine Reihe Chromosomen. Man hat deutlich gemacht, daß wir bei diesen Teil der Familie nicht willkommen sind. Aber es ist mein Opa und der Anstand und er wird mich an meinem Geburtstag anrufen. Was auch das Einzige ist was er aktiv je getan hat. Einen scheiß muss ich. Es wird spontan entschieden. Festnetzanschluss geht ja auch endlich wieder und komischerweise kann ich nur mit Oma und Opa telefonieren. So mein Gespräch mit mir.

Sorgfältig puhle ich dabei den Schorf von meiner Kratzwunde. Sie nässt. Ich liebe das ziehende leicht stechende Gefühl wenn der Schorf abreißt, das Brennen hinterher. Wölkchen, die meist in meinem Hemd steckt vor allem beim Schlafen, hat daran festgeklebt. Das Plüsch ist an ein, zwei Stellen verkrustet. Bäh. 

Der Vormittag ist fast vorbei. Einfach hier sitzen und schreiben hat mich ausgelaugt. Denken wird anstrengender. Mein Hörbuch ist aus, kann eh nicht folgen. Es ist still im Haus. Ich sollte langsam mein Mittagessen vorbereiten. Beintraining steht an. Irgendwie freue ich mich darauf. Trotzdem bleibe ich sitzen und schaue aus dem Fenster. 

Im Keller miste ich meinen Schrank aus. Alles was länger nicht getragen wurde fliegt raus. Dann geht es nahtlos mit dem Beintraining weiter. Gut. Anstrengend. 

Ich habe gestern relativ gleich eine Antwort auf meine Mail zwecks Hundetrainer bekommen: ruf an… Ja witzig. Gebt doch einfach keine Email an wenn ihr dann doch nur telefonisch Auskunft erteilt. Ich habe noch dazu geschrieben, daß Telefonate zur Zeit nicht möglich sind… Mein ‘ich versuche zu telefonieren Pulver’ ist ersteinmal aufgebraucht – ich habe es zweimal bei Opa versucht. Ich bin enttäuscht und frustriert. Wieder etwas, das ich nicht auf die Reihe kriege. 

Lesen. Baden. Kochen. 

Tschüss

Ich versuche es ein drittes Mal: Wow, das Telefonat mit meinem Opa hat 40 sec gedauert. Man hat sich eben nichts mehr zu sagen. Am Freitag ist Oma ‘dran’ und die Sache ist erledigt. Sollen sie unter sich bleiben, ist auch viel bequemer als sich mit der Tatsache herumschlagen zu müssen, daß das geliebte Nesthäckchen ein feiges dummes Schaf ist und ihre Lämmer eben so feige und dumm. Nö. Nö. Bleibt mal für euch. 

vor 3 Jahren

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