Neonfarben und Post

Der Morgen startet durchwachsen. Gemeinsames Kuscheln im Bett, gefolgt von einer wilden Mauligkeit im Garten. Ich bin einfach zu schnell frustriert. Vielleicht lag es auch an der Pizza, die viel zu groß war und den irgendwie doch sehr seltsamen Film, den wir gesehen haben, ich hatte wieder einen Albtraum… und als ich im Dunklen ins Bad gewandert bin, stand dort dieser Wäschekorb mitten im Raum – wie ein kauerndes Monster. Im Garten bin ich dann irgendwie wie erstarrt. Anstatt Lex zu sagen, daß er nicht an mir hochspringen soll, kann ich mich nicht rühren. Kein Wunder, daß er denkt es wäre ok.

Wir machen einen kleinen Ausflug. Hundeshopping.

Lexblog blabla, aber ich brauch den Moment um mich gedanklich zu sammeln. Lex bekommt ein super cooles neues Geschirr. Auf anhiebt gefällt es mir außerordentlich gut und es sitzt auch deutlich besser als alle anderen Geschirre, die wir bisher hatten bzw. ausprobiert haben. Es wächst außerdem noch mit. Die Verkäuferin ist völlig aus dem Häuschen. Satzfetzen fliegen an mein Ohr:

Gerade eben rein gekommen… Lieferschwierigkeiten… Total ausverkauft… Vergriffen… Das Beste!

Macht für mich keinen Sinn. Muss sie so dringend verkaufen? Ich find es ja schon sehr sehr schick und Lex behält es auch gleich an. Erst im Auto fällt mir auf, daß es ja der neue “Heiße Scheiß” AnnyX ist. Auf den Preis habe ich nicht geschaut.

Neonorange und dunkelgrün – genau seine Farben!

Als wir zurück kommen ist ein Brief für mich im Kasten. Post vom Landesamt für Soziales etc. pp. Das kann nur eine Sache sein. Mein Mann fragt ob er reingucken soll. Oft bitte ich ihn darum mein “Vorleser” zu sein um vorab zu sondieren ob ich das Geschriebene, Brief oder Mail, vertrage. Nein. Ich möchte es selber lesen. Ich lese und lese und verstehe es nicht. Viele, unzählige Worte. Was soll ich damit? Was heißt das? Kurze Verzweiflung flammt auf. Mein Mann nimmt mir das Schreiben ab. Alles gut! Nur kein Merkzeichen. Grad der Behinderung von 50 = SCHWERBEHINDERT. Schwerbehindert. Da ist wieder dieses Wort. Schwerbehindert. Ich. Ich, die Knoppes. Habe ich mir mein Leben so vorgestellt? Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll. Jetzt ist es raus. Erleichtert. Schockiert. Wechsel im Sekundentakt. Milisekunden. Kein Kennzeichen. Es steht eine lange Erklärung bei. Keine Ahnung ob ich was dagegen machen kann oder nicht. Ich bräuchte eins der anderen Merkzeichen um mein B zu bekommen. Wird wohl doch nichts mit meiner ermäßigten Zoocard. Immerhin gibt es jetzt auch Jahreskarten für Hunde im Zoo Hannover. Zu Rebecas Zeiten gab es die noch nicht. Der Zoo wird für uns wohl eine tolle Übungsgrundlage werden. Dort gibt es nicht nur jede Menge Ablenkung, sondern auch die Knoppes in Höchstform!

Und so kommt es wie es kommen muss. Meine Laune knallt mir auch heute wieder um die Ohren. Es sind immer wieder Kleinigkeiten, die mich an den Rand der absoluten Verzweiflung treiben. Durchatmen. Der Berg an dringenden Papierkram ist soeben geschrumpft. Die Entscheidung Behinderung ja oder nein ist gefallen – fürs erste. Ich kann jetzt endlich “Den Antrag” endgültig in Angriff nehmen. Den Bescheid kann ich in Kopie meinen Antrag auf Rentenverlängerung belegen und muss da nichts mehr nachreichen. Also Vorankommen auf allen Papierebenen. Auf der Hundeebene geht es weiter. Mein Mann ist ein paar Tage zuhause um mich hier zu unterstützen, mit mir zusammen an Lexis Mauligkeit zu arbeiten. Auf der Eheebene geht es auch weiter. Es gehört alles zusammen und wenn es an einer Stelle rückt, ziehen alle anderen nach. Was schenkt man sich zum Dritten Hochzeitstag? Leder. Drei Jahre schon verheiratet. Dabei sind wir doch gerade erst zusammen und doch schon so lang. Ich denke im nächsten Jahr müssen wir dringend wieder nach Schottland. Da sollte es auch mit Leximann kein Problem sein. Diesjahr gibt es dann eben Jahreskarten für den Zoo für alle!

Tschüss

vor 3 Jahren

9 Kommentare

  1. Mal Spaß beiseite. Ich habe für mich in deinen Beiträgen noch nicht ganz erkannt, warum dir das Merkzeichen so wichtig ist. Gerade weil du dich mit dem Begriff als schwerbehindert zu gelten, auch (noch) schwer tust. Sofern es den Assistenzhund betrifft, hierfür brauchst du das “B” nicht. In Deutschland auch nicht mal den Status der Schwerbehinderung. Du musst es nicht erklären, vielleicht hab ich es auch überlesen. Ich versuch es nur zu verstehen.

  2. Es gibt verschiedene Gründe warum ich einen Schwerbehindertenausweis beantragt habe. Es war ein deutlich länger Weg für mich diesen Antrag zu stellen, als damals die EU-Rente. Es ist für mich keine Sache, die man mal eben erledigt. Es bedeutet mir eine Menge. Vorallem Einsicht und Akzeptanz. Das war ein Prozess über mehrere Jahre und ist noch immer nicht abgeschlossen.

    Warum sollte ich in diesem Zusammenhang also nicht auch an ein Merkzeichen denken? Warum sollte es mir nicht schwer fallen? Führt es mir doch vor Augen was ich alles verloren habe.

    Das es nun zeitlich mit Lex zusammenfällt ist eine andere Geschichte.

  3. Dass der Prozess zum Antrag ein schwerer (innerlicher) ist, ja, dem ist so. Ich habe selbst einen GdB von 70. Ich habe mich in meiner Verständnisfrage auch nicht auf die Anerkennung der Schwerbehinderung an sich bezogen, sondern die Wichtigkeit des Merkzeichens für dich. Denn bei Traumafolgeschäden, psychischen Themen ist es sicher um eins schwerer ein Merkzeichen dazu zu bekommen, weil man weder blind, noch geistig eingeschränkt etc. ist. Falls du in den Widerspruch deswegen gehen solltest, muss dir damit ja auch etwas wichtiges verbunden sein. Vielleicht musst du diese Entscheidung ja auch noch nicht jetzt treffen. Ich vermute, die Schwerbehinderung ist erstmal befristet und du musst in einem (?) Jahr zu einer Nachprüfung. Falls dem so ist, muss dich das nicht verunsichern, ist bei seelischer Behinderung üblich, weil sich durch Therapie etc. die Einschränkungen verbessern könn(t)en.

    1. Es entspricht meinem Status. Psychisch Kranke haben da allerdings das Nachsehen. Ein Merkzeichen wird, wenn überhaupt, nur sehr schwer zu erkämpfen sein.

      Traumafolgeschäden und psychische Themen sind durchaus nicht unerhebliche geistige Einschränkung.

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