Gestrige Termin und krank

Ich war in der Beratungsstelle der Diakonie in Hannover. Da sich die Diakonie über Spenden finanziert, ist die Beratung und ggf. auch eine weiterführende Therapie – sofern nicht ein Therapeut mit Kassenzulassung oder Kostenübernahmebewilligung der Krankenkasse vorliegt – kostenpflichtig (2% des Nettoeinkommens – wenn ich mich richtig erinnere, höchsten 70 Euro/Sitzung). Geld ist da, ja, dennoch kommt mit den laufenden Kosten für Lex (Ausbildung, Unterbringung, etc.), doch einiges zusammen.

Ich war selten so sehr aufgelöst wie zu diesem Termin. Normalerweise klappt es recht gut mich zur Ruhe und Ordnung zu zwingen. Brav zu erzählen und Fragen zu beantworten und hinterher im Auto mehr oder weniger zusammen zubrechen. Wahrscheinlich ist es auch oft meiner nüchternden Erzählweise zu schulden, daß ernste Anliegen nicht als ganz so ernst abgetan werden… Manchmal kann ich dabei auch richtig witzig sein – ich würde es Galgenhumor nenenn. Selbstschutz. Geht es doch um mich und um schlimme Erlebnisse.

Wir (ich habe meinen Mann mitgenommen, auch in den Termin. Ich war mir nicht sicher ob ich würde sprechen können) haben einen Moment warten müssen. Ich weiß nicht woran genau es gelegen hat, ich habe schon im Wartebereich weinen müssen. Die Therepeutin war sehr einfühlsam, wir meine Begriffe fast schon zu sehr darauf bedacht mich mit Fragen nicht unbeabsichtigt zu triggern – was ja grundsätzlich nicht falsch ist. Tatsächlich hat es bei mir eher dazu geführt gehemmter “an die Sache zu gehen”. Ich musste oft innehalten und habe einfach ins Leere gestarrt. Sie hat systematisch Fragen abgearbeitet, die so formuliert waren, daß sie nicht triggern können.

Um zum Punkt zu kommen – ich könnte dort, kostenpflichtig, als eine Übergangslösung behandelt werden. Es gibt dort im Netzwerk Therapeuten, die für mich wohl besser geeignet wären – auch durch die KK zu finanzieren sind – allerdings auch hier komplett voll sind. Ich brauche definitiv einen Psychiater – aber ja, auch hier herrschen massive Engpässe und neue Patienten werden in den meisten Praxen nicht mehr aufgenommen. Sie hat während unseres Gesprächs versucht telefonisch einen Termin zu bekommen. Ja. Wir haben wieder eine Liste mit Namen bekommen, auch Traumakliniken (wobei sie die erste ist, die auf meine Klinikeinwände eingegangen ist und mir Namen kleiner privater Einrichtungen genannt hat – weniger Klinik, mehr Individualität). Obwohl es doch auch wieder ein Nein war, wird sie sich kümmern.

Ja. Was soll ich sagen. Akut ist eben Pech. Und wie die Dame bei der Kasse immer gern sagt

Hätten Sie sich auf eine Warteliste setzten lassen, hätten Sie jetzt keine Probleme.

Ich sage dazu Arschloch. Es gibt praktische keine Wartelisten mehr! Voll ist voll ist voll. Jeden Tag rufen genug Leute an, die Bedarf haben. Wohin mit all den Listen? Evtl. sollte ich auch rechtliche Schritte gegen meine Krankenversicherung nicht ganz außer Acht lassen. Gerade das letzte Schreiben grenzt fast schon an Fahrlässigkeit. Doch woher die Kraft dazu nehmen. Ich bin mit Sicherheit jemand, der gern für sein Recht und auch das Recht anderer einsteht, aber jetzt kann ich nicht mehr. Auch mein Mann ist nicht unendlich belastbar.

Ich weiß, daß dies hier gerade ein Tiefpunkt ist. Ich weiß aber auch, daß es danach wieder etwas besser sein wird. Ich weiß nicht woher diese akute Situation gerade kommt. Hat es sich einfach aufgestaut? Ist es einfach mal wieder Zeit für eine richtig anständige Depression? Ich weiß es nicht.

Ich weiß daß Lex mir sehr sehr fehlt und ich hier nun einige Tränen vergieße, weil ich ihn so sehr vermisse, keine Tränen weil ich überfordert bin. Es fehlt das kleine Lachen, was er mir entlockt hat. Diese winzigen Momenten in denen ich einfach alles vergessen konnte. Jetzt bin ich hier so sehr mit meinem Alleinsein konfrontiert. Keine Ahnung. Dazu kommt dieses latente Gefühl von Bedrohung hier im Haus, im Umfeld. Nein. Es ist wichtig, daß Lex diese Auszeit bekommt. Auch in Zukunft wird er sie bekommen. Er muss erst lernen mit mir in solch Situationen umzugehen. Es würde ihn sonst schaden. Er ist ein Lebewesen mit Bedürfnissen, ich darf ihn nicht meine Depression aufzwingen.

Wie auch immer, wir haben uns vorerst auf einen zweiwöchentlichen Rhythmus geeinigt. Es gibt eine kleine Klinik in Braunlage und eine in Dresden. Wir werden uns das genauer anschauen. Und vielleicht, ganz vielleicht kann ich Lex mitnehmen.


Ich habe wirklich gut geschlafen. Nach dem Termin war ich einerseits völlig im Eimer, andererseits völlig aufgedreht und wahrscheinlich bluten noch heute die Ohren meines Mannes. Während bei ihm schon gegen neun die Lichter ausgegangen sind, habe ich noch fröhlich vor mich hin gebrabbelt.

Freitag. Das Ende meiner kleinen privaten Einsamkeit ist in Sicht. Zwei Tage nur mit meinem Mann liegen vor mir. Wir wollten ja kühn wie wir sind, an diesem Wochenende einen Kurztrip nach Edinburgh machen. Realistisch wie wir sind, haben wir uns dann doch aber dagegen entschieden. Wir brauchen dennoch beide dringend eine Auszeit vom hier und jetzt. Es ist also nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Vielleicht treffen wir uns am Sonntag mit Cousinchen, Schwiegersin und Zwerg. Am Montag holen wir meinen Leximann ab.

Nach dem ich diese Zeilen geschrieben habe, geht es mir etwas besser. Heut morgen überkam mich einfach eine geballte Ladung Einsamkeit. Ich weiß auch einfach nicht wie ich da raus kommen soll. Es gibt genau zwei Menschen, die es ernst meinen wenn sie mich fragen wie es mir geht. Bei denen es keine leere Floskel ist. Menschen, die sich melden wenn ich es nicht kann. Wenn ich ehrlich bin, ist es mir auch lieber zwei ehrliche Menschen in meiner Umgebung zu wissen, als viele, die nicht mal die Einschläge merken.

Ich werde das Training wohl auch heute Training sein lassen. Das Beintraining geht aktuell einfach über alle meine Kräfte. Ich werde die Schottlandkarte – die dann natürlich von der Wand gesegelt ist – wieder befestigen. Eine Schachtel mit Fähnchen liegt auch bereit. Obwohl… Sollte ein Fähnchen abfallen könnte ein gewisser Leximann sie fressen wollen… Vielleicht gibt es dann doch keine Besuchteortefähnchen.

Fröhlichkeit und Leere wechseln sich praktisch sekündlich ab. Kurzes Lächeln, kurzes Weinen und wieder von Vorne. Es ist anstrengend. So anstrengend.

Ich muss mich dringend um den Haushalt kümmern und so raffe ich mich auf. Abwechselnd ist mir heiß und kalt. Mein Kopf tut weh, überhaupt spannt mein ganzes Gesicht. Atmen fühl sich blockiert an. Hm? Ich fühle mich eindeutig krank. Dennoch wühle ich mich durch das Haus. Ich bin sehr langsam. Brauche auch eine sehr lange Pause. Es ist ja immer irgendwas. Habe ich nicht mit meinen Dämon zu kämpfen, sind es Bazillen. Ich bin erleichtert. Bin ich nicht depressiv sondern einfach erkältet? Ja, nein. Natürlich nicht. Aber das ist etwas mit dem ich aktuell besser arbeiten kann. Auch für mich ist etwas psychisches weniger greifbar als etwas physisches.

Ich muss dennoch die Wäsche machen. Diesmal liegt auch soviel herum, daß ich sogar hell und dunkel trennen kann! Yey! Was hat mein Mann überhaupt in den vergangenen Tagen angezogen? Gefühlt dürfte er keine Hosen mehr haben…

Danach mache ich mich an die obligatorischen Fragebögen, die ich in regelmäßigen Abständen für die MHH ausfülle.

Mir ist kalt, fürchterlich kalt. Hole ich mir meine Decke, ist mir wieder zu heiß. Beine hoch. Augen zu.

Dann ist er da, dieser eine kleine Moment tiefster Entspannung. Ruhe. Frieden. Ja, fast schon glücklich. Jetzt wird es wieder gut.

Tschüß

vor 3 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.