Nein

Eine Welle an Emotionen trifft mich so hart, dass ich wach werde. Es muss Mitten in der Nacht sein. Ich suche meine Brille, sammel Lex ein und gehe in den Garten. Kurz darauf sind wir wieder im Bett. Nichts ungewöhnliches. Passiert fast jede Nacht. Ich kann diesmal aber nicht einschlafen. Gedanken, Gefühle, ein wilder Sturm Irgendwas schlägt auf mich ein. Ich schaffe nicht sie abzuschütteln. Mir laufen die Tränen, ohne dass es mir bewusst wird. Mein Mann wird wach. Ich weiß nicht was mit mir los ist. Ich bitte ihn, mir die Benjamin Blümchen Geschichte vom Abend anzumachen. Gleichzeitig meinen Gedanken und der Geschichte lauschen kann ich nicht. Vielleicht schlafe ich auch darüber ein. Die Tränen fließen wieder heftiger. Ich bin mit dem bloßen Daliegen schlicht überfordert. Mein Mann hält meine Hand, Lex kuschelt sich dicht an mich. Wirre Gedanken lassen mich einschlafen. Dann wache ich wieder auf. Weine weiter und schlafen dann endlich wieder ein.

Mein Augen sind glasig und dick verquollen. Ich will diesen Tag nicht. Ich will nicht aufstehen. Ich will einfach hier liegen bleiben. Jeder Atemzug, ist mehr als ich verkraften kann. Jeder Gedanke bohrt sich in meinem Kopf. Die Küche gleicht einem Schlachtfeld. Gestern ist der Sandwichmaker zum Einsatz gekommen. Überall klebt verkrusteter Käse. Irgendein Knoppes wollte ihr Sandwich mit Nutella haben. Käse-Nutellabrei tropfen vom Gerät als ich es hochhebe. Zu viel für mich. Es kostet mich alles das Teil dort stehen zu lassen, mich dem Brot meines Mannes zu widmen. Lex hängt ununterbrochen an mir dran. Ich nutze den Moment und ziehe ihm sein Geschirr an. Ich sehe uns nicht gemeinsam Gassi gehen. Vielmehr habe ich eine Horrorvision von dem was mich erwarten wird. Ich muss mich eh erst um eine neue Mischung Fleisch kümmern. Am Wochenende habe ich keine Zeit dafür, das vorportionierte Fleisch in der Truhe geht zur Neige. Ich muss es heute vorbereiten.

Ich schleppe mich in den Keller. Mein Mann werkelt irgendwo oben rum. Er wird nicht mehr mit Lex gehen. Gefühlt berge ich drei Tonnen TK Fleischpäckchen aus der Truhe. Großartig. Es sind keine gelben Säcke da. Ich werde die Verpackungen also erstmal so in eine Tüte stecken müssen. Nächste Woche kommt erst wieder die Müllabfuhr. Solang stinkt es hier wohl rum. Nahezu perfektes Timing. Eine Liste liegt auf der kleinen Theke. Ich wuchte den Korb mit dem Fleisch darauf, packe alles aus und versuche mich zu errinnen ob irgendwo noch angebrochene Päckchen herum liegen… Ich weiß es nicht. Ich schaue mir die Liste an. Buchstaben, Mengenangaben. Es könnte auch chinesisch sein. Es ergibt für mich keinen Sinn. Es muss ein halbes Päckchen gegeben, bemerkt mein Mann. Er solle lieber mit Lex gehen als irgendein Päckchen zu suchen, fauche ich. Keine Reaktion. In meinem Schädel brummt es. Dann verabschiedet sich mein Mann. Kurz. Distanziert. Ich bin allein mit mir und meinem Chaos. Es zerbricht alles um mich herum. Könnte ich bitte aufhören zu atmen? Jetzt!? In meinem Kopf rufe ich laut um Hilfe. Lasst mich doch bitte endlich hier raus. Lasst mich nicht alleine. Lex springt an mir hoch, versucht mir die Tränen aus meinem Gesicht zu lecken. Irgendwann finde ich mich im Wohnzimmer auf dem Boden wieder, Lex sitzt auf meinem Schoß. Irgendwie habe ich es geschafft das Fleisch aus seiner Verpackung zu befreien. Es sorgfältig im Wäschekorb aufzuschichten. Ein Handtuch darüber zu legen. Vor morgen kann ich nichts weiter damit anfangen. Ich schaue mich um. Die Küche ist sauber. Die Arbeitsflächen sind desinfiziert.

Mechanisch ziehe ich meine Jogginghose aus, meine Jeans an. Lege ein Handtuch auf den Boden. Es regnet, oder es hat geregnet. Keine Ahnung, ich sehe nur Schlieren durch meine verklebten Augen, durch meine verschmierte Brille. Ich setzte mich auf die kleine Bank. Sofort legt sich Lex hin. Ein Erfolg über den ich mich nicht freuen kann. Es kommt nicht an. Bild und Gefühl passen nicht zusammen. Sind kilometerweit von einander entfernt. Ich stehe auf, nehme meine Jacke. Lex bleibt liegen. Stichwort ‘wer bewegt wen’. Er steht auf. Ich setzte mich wieder. Sofort liegt er. Ich ziehe meine Leopardenmustergummistiefel an. Nein, eigentlich grinse ich an dieser Stelle. Ja, irgendwo tief in meinem Inneren. Eher ein Fletschen statt eines Grinsens. Lex liegt. Ich leine ihn an. Lex liegt immernoch. Ich stehe auf, gehe an ihm vorbei. Lex liegt. Ich schließe die Haustür auf, Lex stellt sich hinter mich. Ich gehe raus, er folgt mir langsam. Dieses Spiel hat mich vorgestern noch über eine Stunden gekostet. Vor dem Haus ist er fast der Alte, geht vor, zieht. Es perlt an mir ab. Ich habe keine Emotionen als ich ihn korrigiere. Ich habe keine Emotionen als ich ihn auf meine andere Seite nehme und einen Bogen am toten Igel vorbei laufe. Ich habe keine Emotionen als ich sehe wie gut er es macht. Ich habe keine Emotionen als wir ruhig zusammen gehen. Spüre nichts als er dann doch in den Acker rennt. Wiese, Feldweg. Ich schmeiße ihm einen Erdklumpen samt Strohhalmen zu. Feinsäuberlich schüttelt er seine Beute und verteilt winzige Erdbrökchen, die in seinem feuchtes Fell zu einer Schlammkruste werden. In meinem Kopf ploppt eine To Do Liste auf. Eher Bilderbuch denn Liste. In dem Buch sehe ich wie er gleich hinter mir her geschossen kommt und mir in den Ärmel beisst. Ich sehe wie wir an der Straße um die Leine kämpfen und ich sehe wie er mir das Handtuch wild knurrend aus der Hand reißen will. Bilder mit Kästchen. Zum Abhaken bereit. Schon höre ich seine Pfoten. Er rennt an mir vorbei, schaut mich an, dreht um, geht mit mir… Klare deutliche Kommunikation. Warum gelingt es mir gerade jetzt? Ich habe eher mit einer unberechenbaren Reaktion meinerseits gerechnet.

Es fühlt sich so an, als wäre wieder ein kleiner Teil in mir gestorben. Vielleicht hat es sich heut Nacht unter Schmerzen gewunden. Vielleicht hat mich das weinen lassen. Vielleicht hat das diesen Gefühlssturm ausgelöst. Jetzt ist da nichts mehr. Leere.

Schlafen.

Tschüss

vor 1 Jahr

2 Kommentare

  1. Ich denk an dich. Du bist ein toller Mensch und nicht due Menge des Leids, das du erfahren musstest. Meld dich wieder in der Gruppe, wenn dir danach ist. Ich würde mich freuen.

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